Editorial – Die Seele eines Kriegers
   
 

„Harte Zeiten währen nicht. Harte Menschen schon.“

Robert Schuller

   
 

Es war zu Jahresbeginn Österreichweit in aller Munde: das Comeback des Hermann Maier. Gerade für einen Menschen wie mich, der sich wenig bis gar nicht mit Skifahren auseinandersetzt, eine an und für sich ziemlich uninteressante Sache, wäre die Vorgeschichte nicht gewesen.

Nach einem Unfall mit schweren Verletzungen an einem Bein und einer langen Pause von über einem Jahr, sorgte die Rückkehr zum Spitzensport für einige Gespräche. Die Erwartungen des Publikums waren hoch – möglicherweise zu hoch. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich viele, auch in den Medien, über eine „enttäuschende“ Leistung beklagten, nachdem Hermann Maier nach der ersten Runde ausschied. Manche gingen so weit zu behaupten, es wäre besser gewesen, wenn er keinen Comeback versucht hätte; schließlich wäre er so als Legende mit dem Vorteil der Ungewissheit zurückgetreten.

Wenige Tage später qualifizierte sich der „Herminator“ für die zweite Runde, landete schließlich auf mittleren Rängen. Nun war das große Gesprächsthema, ob seine Aufnahme ins österreichische Nationalteam eine vernünftige Sache wäre, ob er die Leistung bringen könne.

Am 27. 01.2003 war es nun soweit. Dieser Mann, der nach seinem Unfall nicht wusste, ob er sein Bein verlieren würde, der zuerst kämpfte, um wieder normal gehen zu können, raste mit voller Geschwindigkeit einem sensationellen Sieg entgegen – und wahrscheinlich dem größten Triumph seines Lebens. Die Stimmen des Zweifels ließ er hinter sich.

Was hat diese Geschichte auf unserer Seite verloren? Was ist so besonders daran, dass auch jemand, der sich sonst für Wintersport kaum interessiert, darüber schreiben möchte? Einiges! Nicht von der Menge, aber sehr wohl von der Bedeutung.

Indem wir das Thema Skifahren und Leistungssport in den Hintergrund treten lassen, haben wir eine klassische Erzählung über Wille, Beharrlichkeit, Tapferkeit, Unbeugsamkeit und Glaube. Und sind das nicht alles Eigenschaften, die wir in den Kampfkünsten anstreben, die wir der Seele eines Kriegers zuordnen?

Um eventuelle Missverständnisse vorweg zu räumen: beide Begriffe (Kampfkunst und Krieger) werden in manchen Hapkido Kreisen daher nur selten verwendet, weil beide im mitteleuropäischen Kulturkreis wohl negativ behaftete Worte sind, hauptsächlich wegen der Assoziationen mit Kampf und Krieg. Ich kenne leider keine „freundlicheren“ Begriffe, welche die sich dahinter bergenden Inhalte treffend bezeichnen würden. Die in Korea (Mudo, Musa), China (Wudao, Wushi) und Japan (Budo, Bushi) verwendete Begriffe bedeuten so viel wie „Der Weg, Konflikte zu beenden“ und „Gelehrter der Konfliktbeendung“, und betonen zusätzlich auch die friedlichen Aspekte beider Sachen. In diesem Sinne würde aus dem Weg des Kriegers, der viel freundlichere und edlere Musado (chin. Wushidao; jap. Bushido): Der Weg des Gelehrten der Konfliktbeendung.

Kehren wir aber zum eigentlichen Thema zurück: auf dem Weg der Kampfkünste sollten wir, viel mehr als das Sammelsurium von Techniken aller Art, auch gewisse Qualitäten erlernen und verinnerlichen, die uns ermöglichen sollen, bessere Menschen zu werden. Es sind gerade diese Qualitäten, die den Unterschied ausmachen, wie wir mit Rückschlägen umgehen.

Die Rückschläge sind das, was aus dem Sieg einen Triumph machen können. Sich der Adversität nicht zu beugen, sondern aus sich herauswachsen, macht die Größe aus, die nur in der Niederlage möglich ist. Kraft ist nicht Stärke, Mut ist nicht Tapferkeit, Sieg ist eben nicht Triumph. Wer kennt da wohl den Unterschied?

Die Seele eines Kriegers ist gestählt vom Wissen um Schmerz, Niederlage und um die Vergänglichkeit aller Dinge. Aus dieser Stärke heraus wird alles möglich, alle Türe öffnen sich, die Zweifel und die Angst bleiben zurück.

Es ist eine Frage des Glaubens. Was heute nicht möglich ist, wird es vielleicht morgen sein, oder übermorgen. Und selbst wenn das nie zutreffen möge, so werden wir mit so vielen anderen Früchten für unsere Mühen belohnt, dass sich diese auch so auszahlen.

Der größte Sieg des Hermann Maiers war aus meiner Sicht nicht erst beim Super-G am 27.01.2003. Es war der harte Kampf, sich aus dem Krankenbett zu erheben, und unbeirrbar seinen Weg zu finden, mit dem harten Rückschlag des Unfalls fertig zu werden.

Möglicherweise interpretiere ich zu viel in diese Ereignisse hinein. Das ändert nichts an meine Überzeugung, dass wir alle aus dieser Erzählung sehr viel über menschliche Größe lernen können.

In meiner Muttersprache gibt es ein Sprichwort, das übersetzt lautet:

Nie ist es so finster wie unmittelbar vor der Morgendämmerung

Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Arturo Umaña

 


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