Editorial – Geistesblitz!
   
 

„Wenn die Kräfte des Himmels dabei sind, einem Menschen eine wichtige Aufgabe zuzuteilen, werden sie zuerst sein Herz in Bezug auf seine Absichten verbittern; sie werden ihn zwingen, seine Knochen und Nerven zu trainieren; sie werden seinen Körper Hunger leiden lassen; sie werden geistige und seelische Armut und Verwirrung über ihn bringen. Dadurch werden sie seinen Willen anregen, seine Natur stärken und ihn dazu befähigen, ein Werk zu vollbringen, das sonst weit jenseits seiner Möglichkeiten gewesen wäre.“

Men Tzu (nach einem Zitat von Gichin Funakoshi)

   
 

Es ist wie ein Blitz, der eine mondlose Nacht plötzlich durchzuckt. Auf einmal werden die kleinsten Details unserer Umgebung sichtbar, und das so unsanft der Finsternis entrissene Bild bleibt gerade lang genug in unserer Netzhaut gefangen, um den Donner in Empfang zu nehmen. Das kann äußerst befreiend sein - oder markerschütternd erschreckend.

Nennen wir es, um Befangenheit zu vermeiden, einen Augenblick der Klarheit.

Wir können uns auf einen solchen Augenblick vorbereiten und die Grundvoraussetzungen schaffen, die einen solchen Moment ermöglichen, doch es ist jenseits unserer Möglichkeiten zu bestimmen, wann das passiert. Hier kann nichts erzwungen werden, und es mit Gewalt zu versuchen, ist der beste Garant dafür, diese Erfahrung zu verhindern. Weder akademisches Studium, noch Rituale, noch das gleichzeitige Praktizieren von drei Religionen und sieben esoterischen Lehren ohne oder mit entsprechendem Vorweis aller möglichen (und unmöglichen) Titeln kann daran etwas ändern. Das ist auch gut so.

Diese Form der Klarheit ist Ewigkeit pur: in einem solchen Moment wird einem nämlich ein Blick auf die Unendlichkeit ermöglicht, was von allen möglichen Geschenken, die einem auf der Reise zuteil werden können, sicher eines der größten und wundervollsten ist. Aber zugleich auch eines der furchterregendsten.

Unser Wesen wird dabei in seinem Innersten berührt und verändert, und dieser Prozess ist unumkehrbar. Unsere Wahrnehmung verschiebt sich, unser Verständnis der Sachen auch. Details und Zusammenhänge werden sichtbar, deren Existenz uns nicht bekannt war.

Doch Vorsicht: Das ist alles kein Grund zur Euphorie. Auch wenn vielerlei vermutet wird, dass dieser Durchblick einem das Leben leichter macht, ist es wohl eher umgekehrt. Viele Einzelheiten, die wir sonst mit Freude übersehen hätten, können nicht mehr geleugnet werden. Aus einer Welt aus schwarz und weiß wird ein Universum der Grautöne, in dem alles in Wechselwirkung zueinander steht. Damit muss man zuerst fertig werden.

Die höchsten Kräfte - ich erlaube mir, hier die Bezeichnung TAO (chin. für das Urprinzip, kor. und jap. DO) zu verwenden, ohne dass es die einzige zulässige wäre - lehren uns in solchen Augenblicken etwas über die Natur des Kosmos. Die Ausprägungen könnten nicht unterschiedlicher sein: Ungewöhnliches wie das Verstehen quantenmechanischer Zusammenhänge oder ein Moment des abgestellten inneren Dialogs, Alltägliches wie die Erkenntnis, dass manche Überlastung zu einem beträchtlichen Teil auf die eigene Unfähigkeit etwas loszulassen beruht oder die Feststellung der Belanglosigkeit mancher Diskussion, bis hin zu scheinbar Bedeutungslosem wie das Erkennen eigener Charakterzüge in einer Cartoon-Figur oder die Entdeckung, dass verschiedene Pasta-Sorten, obwohl aus gleichen Zutaten, unterschiedlich schmecken können. Gemeinsam ist diesen Momenten nur, dass danach nichts mehr so wie früher ist.

Doch das ist nur der Anfang.

Ein altes Sprichwort besagt: "wenn du einen guten Lehrer suchst, dann wähle keinen einfachen." Und welcher Lehrer könnte besser als das TAO selbst sein? Unbestechlich, sachlich, jenseits aller persönlichen Belange wird es uns gnaden- und kompromisslos mit dem, was wir zu unserem Wachstum benötigen, versorgen. Das bedeutet auch unter Umständen eine Menge Arbeit und Mühe.

Wir sind natürlich keine willenlosen Wesen und können die Lektionen aus diesen Augenblicken der Klarheit ablehnen. Wir können sie ignorieren, niederrationalisieren, die Augen und den Geist fest verschließen und warten, bis der Augenblick vorüber ist, den Eindruck tatenlos verblassen lassen oder einfach weglaufen - übrigens eine sehr populäre Methode. Was wir damit schaffen, ist aber lediglich ein Aufschub. Denn der nächste Blitz kommt garantiert und wird möglicherweise noch stärker sein. Der Vorgang wird sich, in verschiedensten Varianten, immer und immer wieder wiederholen. So lange, bis wir erwachen...

oder aufgeben.

Aber Hand aufs Herz: Aufgeben ist dann und nur dann nur eine Möglichkeit, wenn uns das, was wir vorhaben, nicht wichtig genug ist. Mag sein, dass uns das als die "kleinere" Erkenntnis erscheint. Faktum ist, dass auch diese Art der Feststellung ganz und gar nicht einfach ist. Sie zwingt uns dazu, uns selbst, unser Tun und unsere Vorhaben in ein anderes Licht zu sehen. Aufgeben ist zwar leicht, aber allen ausdenkbaren Ausreden zum Trotz sind es die Folgen nicht.

In den Jahren meiner Tätigkeit als Kampfkunstlehrer sind mir sehr viele Menschen begegnet, die sich einer solchen Lektion stellen mussten. Es liegt in der Natur dessen, was wir tun, dass alle Schüler (immer wieder) an dem Punkt ankommen, an dem sie das, was sie sich wünschen, dem gegenüber stellen müssen, was sie bereit sind, auf sich zu nehmen, noch dazu ohne Garantie auf Erfolg. Viele, sehr viele, sind an eine dieser Kreuzungen gegangen. Besonders jene, die sich selbst für besonders talentiert halten (nüchtern betrachtet sind die meisten davon auch nur durchschnittlich begabt), können diese Vorstellung nicht ertragen, dass etwas nicht einfach "nur so" geht oder ihnen gegeben wird.

Modeerscheinungen tauchen auf und verschwinden wieder, Organisationen, Stile, Ideologien und Idole steigen auf und fallen. Sie alle bringen eben eine Unzahl von Menschen mit sich, die aber meistens auch wieder gehen, sobald das, was sie im Dojang lernen, nicht mehr "hip" oder "trendy" ist, oder wenn es für sie zu viel Mühe bedeutet. Das es dazu kommt, ist völlig normal und liegt im Wesen der Werte, die in einem Dojang vermittelt werden und die oft als veraltet oder borniert angesehen werden. Und andererseits wissen wir: Konsum kennt keine Treue, keine Geduld und keine Befriedigung.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich nicht bedauere, dass einzelne "junge Talente" gegangen sind, manche sogar nachdem sie in den Graduierungen recht weit gekommen waren - übrigens eine sehr interessante Fragestellung, wenn man bedenkt, dass weder ein schwarzer Gürtel noch eine Graduierung einen Danträger ausmachen oder gar bedingen. Nun, zählt man eins und eins zusammen, wird die Antwort nicht überraschend und - bei allem nötigen Respekt - ziemlich deutlich sein: Nein.

Die Begründung ist simpel: Talent war nie und wird nie für sich alleine ausreichend sein, selbst wenn in ungewöhnlichem Maße vorhanden, was ja selten genug vorkommt. Es ist kein Zufall, dass die klassische Kampfkunst so sehr auf Selbstdisziplin, Beharrlichkeit und Geduld setzt, denn nur diese vermögen das nötige Potenzial in uns zu entfalten. Jene, die eine wirkliche Begabung haben, wissen, dass diese ohne entsprechende Arbeit im Grunde genommen wertlos ist. Das ist eine der Erkenntnisse im Lichte des Blitzes.

Natürlich gibt es Schüler, die das erkannt haben. Das sind jene, die bereit sind, nicht nur die Schönheiten sondern auch die Härten des Weges auf sich zu nehmen, denn von beidem beschert uns das TAO reichlich. Weil diese Schüler gerade in schwierigen Zeiten an sich selbst arbeiten, sind sie dazu im Stande, die angenehmeren Zeiten in vollen Zügen zu genießen. Ihre Begabungen oder Talente sind ganz unterschiedlich in Ausmaß und Ausprägung (ja, es gibt sie wirklich, die Kombination aus Talent und Beharrlichkeit), doch es sind ihre Selbstdisziplin, ihre Hingabe und ihre Bereitschaft, selbst bei großer Adversität nicht aufzugeben, die sie ehren. Ich nenne sie die Schüler des inneren Kreises; zutreffender wäre wahrscheinlich Schüler des Weges. Sie zeigen uns die Möglichkeiten, die sich in dem Moment der Klarheit auftun, wenn wir das Geschenk der Ewigkeit annehmen.

Wie ein Blitz, der einschlägt, wird unsere kleine Realität in einem solchen Augenblick der Klarheit regelrecht gesprengt. Was rätselhaft war, ist plötzlich klar und nachvollziehbar. Einige Dinge vom kleinen Ausmaß werden wichtig, einige große Sachen werden belanglos im Gesamtbild der Ewigkeit. Kurz und vergänglich ist dieser Moment, in dem unsere gar so zerbrechliche Ratio zerschmettert wird, um den Geist zu befreien. Wir müssen dann entscheiden: Ist unser Geist bereit für einen wahrhaftigen Quantensprung, oder begnügen wir uns mit der Erkenntnis, dass wir es nicht ernst genug meinen und lieber weiter Formeln ausrechnen, Gebete rezitieren, Rituale vollführen und beeindruckende Posen einstudieren, statt die Prinzipien dahinter zu begreifen und das Wirken der Kräfte der Unendlichkeit zu erfassen?

Wie oben schon mehrfach angedeutet, gibt es sehr wenig, was wir tun können, um den Zeitpunkt für diesen Sprung zu bestimmen. Wir können lediglich an uns arbeiten und uns vorbereiten. Klingt vielleicht nicht so aufregend, und doch ist es ganz vital. Zu früh springen zu wollen, in der Überzeugung, die Vorbereitung sei für einen nicht notwendig (weil man ja so talentiert ist), ist mindestens genauso töricht wie aufgeben, weil etwas nicht "einfach so" geht. Die überdeutliche Andeutung ist nicht zufällig: es sind im Grunde zwei Ausprägungen derselben Sache.

Es ist nun mal kein Meister vom Himmel gefallen, aber sehr viele Narren in den Abgrund.

Ich bitte um Verzeihung, wenn ich durch solche Aussagen herzlos erscheine. Zum Verständnis: Körper (chin. Jing, kor. Chong, jap. Tai), Energie (chin. Qi, kor. und jap. Ki) und Geist (chin. Shen, kor. und jap. Shin) bilden eine Einheit nach dem philosophischen und spirituellen Fundament unserer Künste. Nun ist es sogar jedem vernünftigen Freizeitsportler klar, dass der Körper zuerst trainiert werden muss, bevor man ihm Extremes abverlangt. Warum sollte es mit dem Geist und mit der Energie anders sein? Bedenkt man also, dass oft jemand, dessen Kräfte woanders dringender benötigt werden, hinterher springen muss, um die Ungeduldigen zu retten, wird man mich hoffentlich milder beurteilen.

Der Augenblick der Klarheit kommt also, wenn die Zeit reif ist. Ob der Empfänger es auch ist, ist etwas völlig Anderes. Zum Einen kann man sich zu früh auf eine vermutete Chance stürzen, oder sich dagegen wehren. Und wenn man sich darauf einlässt, was dann?

Das ist so eine Sache mit der Klarheit. Wenn wir einmal den Weg erkannt haben, den wir aus vollem Herzen und mit voller Überzeugung folgen möchten, wird in seinem Lichte alles, was vorher war, endgültig verblassen. Unser bisheriges Dasein wird davon gerissen, so dass kein Zurück möglich ist. Uns bleibt also nur der Sturm der Verwandlung.

Wie ein Boot ohne Ruder, ohne Karte, müssen wir uns diesem Sturm stellen, selber zum Ruder und zur Karte werden, ohne zu zögern und ohne dem Vergangenen nachzutrauern. Was zu tun ist, wird uns nicht immer gefallen - wer lässt schon gerne seine alten Angewohnheiten zurück? - doch ist die Alternative, in der Stagnation zu ertrinken, noch viel erschreckender, besonders wenn man die Richtung erkannt hat, die zur Befreiung führt. Herzlich willkommen auf der großen Reise.

Doch das Bildnis des Blitzes geht noch viel, viel tiefer als das. Es ist durchaus richtig, dass der Blitz plötzlich kommt, so wie es der Moment der Klarheit auch tut. Dennoch kommt keines von beiden unangekündigt. Die Ionisierung der Luft ist deutlich spürbar, die sich auftürmenden Wolken, wie Batallionen, die am Himmel Stellung beziehen, sind sichtbar, auch wenn sie vom Mantel der Nacht verhüllt werden. Es kann jeder deutlich fühlen, wie sich alles verdunkelt. Und sind nicht dunkle, oder zumindest schwierige Zeiten die zuverlässigsten unmittelbaren Vorboten der heranrollenden Welle der Klarheit?

Aber es ist nicht alles so düster, wie es sich hier vielleicht anhört. Mit jedem Schritt, den wir auf diesem Weg gehen, tut sich eine Unendlichkeit an Möglichkeiten auf. Es stellt sich eine neue Art des Wachstums ein, deren Dimensionen nicht vergleichbar sind, mit dem was wir sonst erleben. Blau wird blauer, Rot roter. Der Preis ist also nicht nur angemessen, sondern sogar mehr als großzügig. Schließlich reden wir hier von einer der reinsten Formen innerer Alchemie. Was hieraus hervorgehen kann, hat die Macht, die Welt zu verändern. Eine Idee, so groß und stark, dass sie von einem zum nächsten Kopf überspringen kann, in einer wahrhaftigen Kettenreaktion menschlichen Geistes. Wie der französische Schriftsteller Victor Hugo einst schrieb:

"Keine Armee der Welt kann eine Idee aufhalten, deren Zeit gekommen ist."

Jetzt, in diesem Augenblick, türmen sich dunkel die Sturmwolken erneut auf, sie rollen wie ein trunkener Riese auf uns zu. Die Luft ist elektrisiert, in Erwartung dessen, was kommen wird.

Wer wird es also wagen, zu springen?
Wer wird bereit sein, das Geschenk des TAO entgegenzunehmen, wenn der Blitz der Ewigkeit sich entlädt?

Arturo Umaña

 


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