Editorial – Die Errungenschaften der alten Meister
   
 

„Der Weg des Kriegers basiert auf Menschlichkeit, Liebe und Ehrlichkeit; das Herz des Mutes des Kriegers sind Tapferkeit, Liebe und Freundschaft. Den Schwerpunkt auf die physischen Aspekte des Kriegertums zu setzen ist vergeblich, denn die Kraft des Körpers ist immer beschränkt.“

Morihei Ueshiba

   
 

In diesen Tagen scheint die ganze Welt der Kampfkünste ihre neue Leidenschaft für das Zauberwort „Effektivität“ entdeckt zu haben. Interdisziplinäre Turniere sind an der Tagesordnung. Neue, schnellere, ökonomischere und vernichtendere Bewegungen werden im Zuge der Erkenntnissen der Sport- und Bewegungswissenschaft überall entwickelt.

Das Publikum sucht in den Kampfkünsten nach einer Antwort auf diesen gewalttätigen Zeiten. Neue Anforderungen durch die Umwelt verlangen nach der Evolution der Künste der Krieger und ihrer Erben – das ist in der Natur auch nicht anders. Und diese Evolution kann nur Effektivität heißen. Richtig?

Nicht ganz. Generell ist an dem Ansatz der Effektivität nichts auszusetzen. Dennoch sollten wir den Blick für andere Lösungen nicht versperren. Die Natur, das große Beispiel, reagiert auf Umweltveränderungen nicht nur auf einer Weise. Und die Kampfkünste haben viel mehr Potential, als die körperliche und technische Überlegenheit alleine liefern könnten.

Die Zeiten sind gewalttätig. Das ist eine bedauerliche Tatsache, die wir nicht übersehen sollten. Die Frage ist, ob es vor 50, 100, 500, 1000 oder 2000 Jahren anders war. Gewalt war von Anbeginn der Zeit einer der ständigen Begleiter der Menschheit. Seit jeher suchen die Menschen nach Möglichkeiten, diesen sehr unschönen Charakterzug Herr zu werden. Die Fragestellung ist nicht neu. Ganz und gar nicht.

Vor einigen Hundert Jahren, in Epochen, in denen in allen Teilen der Welt dem Adel und den Kriegerklassen erlaubt war, Menschen eines niederen sozialen Standes auch ohne einen triftigen Grund zu töten, in einer Welt der Stammeskriege, entwickelten die Künste der Krieger einen neuen Wesenszug. Aus den rein praxisorientierten Techniken der Kampfkunst (Kor. Mu Sul, Jap. Bu Jutsu, Chin. Wu Shu) entwickelten sich vorwiegend in Asien Systeme der Charakterbildung (auch wenn die Krieger gewisse blutrünstige Züge nicht zur Gänze ablegten). Diese Entwicklung brachte eine ganz neue Art von Meistern der Kampfkünste hervor, die in ihrem Wesen den Mönchen (die anderen und deutlich älteren Förderer der Kampfkunst) näher waren als den Soldaten.

Im Koreanischen existiert der Begriff "In Kyok Wansong", dessen Übersetzung "Menschlichkeit erreichen" bedeutet. Damit wird einer der höchsten Ziele beschrieben, die die Kampfkünste durch diese grundlegende Veränderung nun verfolgten und bis heute größtenteils verfolgen. Naturgemäß werden wir als erstes die charakterlichen, seelischen und geistig-philosophischen Aspekte des Studiums unserer Künste damit verbinden. Einer der Schwerpunkte dieser Aspekte liegt auf die Gewaltlosigkeit: “Ein guter Krieger ist nicht gewalttätig“.

Die Meister der Kampfkünste waren aber trotz aller Intellektualität und Spiritualität schon immer sehr erdverbundene, praktisch denkende und handelnde Menschen. Wie also konnten diese Meister vergangener Generationen das Dilemma lösen, ihre im Kampf und auf dem Schlachtfeld entstandenen Techniken so weiter zu entwickeln, dass sie, ohne ihren praktischen Wert völlig zu verlieren, dem Prinzip der Gewaltlosigkeit genügen konnten?

Nun, beobachtet man die Verteidigungstechniken genauer, die auf das Prinzip des Hapki (jap.: Aiki, chin: Hechi) aufbauen und die zum Sanftesten gehören, was die Kampfkünste zu bieten haben, so kann eine verblüffende Ähnlichkeit zu Bewegungsabläufen aus dem Schwertkampf festgestellt werden. Dass diese Art der Verteidigung sich im größten Maße entfaltete, wo der Gebrauch von Schwertern ebenfalls einen sehr hohen technischen Standard erreichte (beispielsweise entstand in Japan das Aiki-Budo in den Kreisen der Samurai) ist ein Faktum, das diese Beobachtung verstärkt

Das Erstaunlichste an dieser Entwicklung ist die Tatsache, dass aus etwas, was zum Töten oder bestenfalls zum Verstümmeln gedacht war, sich eine Form des Kampfes entwickelte, die darauf gezielt war, einen Angreifer möglichst ohne Schaden unter Kontrolle zu bringen. Es ist einer der entscheidenden Schritte, um aus der Kunst des Krieges eine Kunst des Friedens zu machen.

Das Hapki-Mudo (jap. Aiki-Budo, chin. Hechi-Wudao) ist nicht minder effektiv als andere Formen der Kampfkunst, obwohl hier eine erheblich längere Zeit benötigt wird, um das erlernte auch spontan einsetzen zu können. Nichtsdestotrotz ist die Effektivität nicht das Hauptziel. Sie ist viel mehr der Ausdruck dafür, dass die Meister der Vergangenheit die Augen vor der Realität einer gewalttätigen Welt nicht verschlossen haben, sondern darauf sehr bewusst und ihrer Überzeugung für die Gewaltlosigkeit entsprechend reagierten. Effektivität führt hier eben nicht zwangsläufig in die Zerstörung eines Gegners. Trotzdem sollte dieses nicht darüber hinweg täuschen, dass auch das Hapki-Mudo, wie jede andere Form der Kampfkunst, ein enormes Zerstörungspotential besitzt.

Das Wesen jener Meister der Kampfkünste war so sehr von dem Ideal des Erreichens von Menschlichkeit geprägt, dass sie einen neuen, sehr mutigen Weg einschlugen. Das, was sie vollbrachten, sagt genug darüber aus, wie sehr sie diesen Ideal lebten. Sie suchten nicht nach einer effektiveren Lösung auf gleicher Ebene, sondern griffen nach dem Höheren. Die Effektivität war hier nicht die eigentliche Evolution – sie war ein Seiteneffekt davon.

Interessant ist die Tatsache, dass sich dieser Prozess auch in die andere Richtung vollziehen kann. Auf Ihrer Suche nach effektiveren Techniken entfalten sich viele Systeme auf erstaunlichste Weise. Beispielsweise entwickelte sich das gesundheitsorientierte, friedliche und anmutige Taiji von einem sehr kämpferischen Stil zu seinen heutigen Ausprägungen.

Das Hapki-Mudo seinerseits befindet sich als solches nach wie vor in ständiger Veränderung: Morihei Ueshiba entwickelte aus dem Daito Ryu Aiki-Jiu-Jutsu das wundervolle Aikido, und unter Koichi Tohei entstand daraus die Schule des Shin Shin Toitsu Aikido, auch als Ki-Aikido bekannt. Auch das Hapkido von Großmeister Ko. Myong entwickelt sich weiter als Kampfkunstsystem, als Gesundheitstraining und als Methode zur Ausbildung der Menschlichkeit. Das sind nur zwei von unzähligen Beispielen dafür, wie lebendig diese Richtung der Evolution der Kampfkünste noch immer ist.

Beide Ansätze – Menschlichkeit als Ausdruck der Spiritualität und Effektivität als Ausdruck des ausgeprägten Sinnes für die Realität dieser Welt – schließen sich keinesfalls gegenseitig aus. Im Gegenteil: zusammen, und nur zusammen, offenbaren sie uns den wahren Ausmaß dessen, was wir in den Kampfkünsten lernen können. Diese Erkenntnis ist eine der großen Errungenschaften der alten Meister.

Morihei Ueshiba, Gründer des Aikido, schrieb dazu:
„ Auch wenn unser Pfad sich komplett von den Kriegerkünsten der Vergangenheit unterscheidet, so ist es nicht erforderlich, die alten Wege ganz zu verlassen. Nehme ehrenwerte Traditionen in diese Kunst auf, indem Du sie in frischen Gewändern kleidest, und baue auf die alten Stile, um bessere Formen zu entwickeln.“

Es liegt an den Meistern der Zukunft, dass Dieses nicht vergessen wird.

Arturo Umaña

 


  Wichtiger Hinweis:
Die unter dieser Rubrik in regelmäßigen Abständen erscheinenden Artikel stellen ausschließlich die persönliche Ansicht des Redakteurs dar und sind nicht als offizielle Meinung  etwaiger dritter Verbände, Personen, Institutionen oder Körperschaften anzusehen.