Editorial – Symbole
   
 

„An alle Suchenden auf dem Weg:
Wissen kommt von Euren Meistern. Weisheit kann aber nur aus Eurem Inneren kommen.“

Dan Inosanto

   
 

Als ich vor inzwischen etwas mehr als 20 Jahre meine Liebe für die Kampfkünste entdeckte, ahnte ich nicht, wie sehr diese Entdeckung mein Leben beeinflussen würde. Im Laufe dieser Jahre habe ich das große Glück gehabt, einige wirklich außergewöhnliche Menschen zu treffen, die alle bereit waren, Ihr großes Wissen in den verschiedensten Gebieten mit mir zu teilen. Diese Menschen kamen aus den unterschiedlichsten Bereichen, doch haben sie wesentlich dazu beigetragen, aus meinem Studium der Kampfkünste eine aufregende Reise auf dem Weg des Lebens zu machen. Die komplette Liste (darunter auch viele Nicht-Kampfkünstler) würde diesen Rahmen sprengen, aber andererseits wäre es nicht richtig, wenn ich einen ihrer Namen auslassen würde. Weil ich großen Respekt und große Dankbarkeit für sie alle empfinde, sollen meine Handlungen und nicht meine Worte sie gebührend ehren.

Sie alle haben in mir den Wunsch zum Leben erweckt, nach höheren Zielen zu streben, und prägten auch das Bild von der Qualität des Menschen, der ich werden möchte.

Vor inzwischen 12 Jahren, als ich meine Prüfung zum ersten Dan in Hapkido frisch bestanden hatte, erhielt ich von meinem Lehrmeister einen schwarzen Gürtel - eben jenes Symbol, mit dem ich so viele Vorstellungen verband. Einerseits erfüllte mich das mit großer Freude, andererseits aber war ich verunsichert. War er denn nicht zu groß und schwer für mich?

Doch, das war er.

Nach einem zugegebenermaßen ziemlich anstrengenden Wochenende war ich plötzlich Träger eines schwarzen Gürtels. Geändert hatte sich aber außer der Farbe des Stoffes um meine Taille nichts. Ich war nicht wesentlich erfahrener, klüger, geschickter oder besonnener als vorher. Ich hatte keine bessere Ahnung, wie ich den Leuten etwas beibringen konnte. Im Grunde war ich unbeholfener und verwirrter als vorher, weil meine Umgebung plötzlich von mir erwartete, dass ich die Sachen besser verstehen würde. Aber tat sie das wirklich? Oder waren es vielleicht doch nur meine Erwartungen, die mich da in die Irre führten?

Natürlich war der Gürtel an sich nicht zu groß. Das Symbol, das in ihm seinen Ausdruck fand, war es. Es dauerte schließlich auch einige Jahre, bis ich mir nicht mehr so verloren in ihm vorkam. Ich bekam die Chance, an und mit der Aufgabe zu wachsen. Durch das Unterrichten änderte sich auch mein Verständnis von der Kampfkunst, und gewann eine ganz andere Qualität. Irgendwann stellte ich fest, dass mein Gürtel anfing, deutliche Verschleißspuren zu zeigen, und dass das Symbol seine Macht über mich verloren hatte. Es ist gar nichts Ungewöhnliches an diesem Prozess: man sagt dazu Reife und Erfahrung.

Der schwarze Gürtel war insofern zu groß für mich, weil ich noch nicht dazu bereit gewesen war, mich von dem Symbol zu befreien. Rückblickend war ich damals, wie ich eigentlich nicht sein wollte: geblendet von einem Stück schwarzen Stoff. Ein weiterer Schwarzgurt, der zuerst noch zum Danträger heranreifen musste.

Prinzipiell haben Symbole den Zweck, den Zugang zu einer bestimmten Geistes- oder einer inneren Haltung zu erleichtern. Es können einerseits physische Symbole sein, wie eine Uniform (bis hin zu Anzug und Krawatte), Rangabzeichen oder ein Emblem oder Schriftzug auf dem Dobok (unsere traditionelle Trainingskleidung, die übrigens auch eine Uniform ist). Andererseits kann es sich dabei aber auch um Symbole abstrakterer Natur handeln, wie Rang, Titel, einen klingenden Namen, eine Bezeichnung oder der Name eines Begriffes. Die motivierende Wirkung ist offensichtlich.

Die Schwierigkeit besteht aber darin, sich von diesen Hilfen zu befreien, wenn sie Ihre Aufgabe erfüllt haben. Es ist wie Fahrradfahren mit Stützrädern: solange wir sie benutzen, können wir nicht wirklich lernen, das Gleichgewicht zu halten. Und auch wenn wir Krücken mit Gold und Diamanten versehen, so bleiben sie immer noch Krücken.

In meiner beruflichen Tätigkeit habe ich beobachten können, dass die besten Führungskräfte (unabhängig ob Linien- oder Projektführungskräfte) immer jene sind, die sich für die Weiterentwicklung der Menschen und für die Aufgabe engagieren, und nicht jene, denen die Bezeichnung, der Status und der eigene Vorteil wichtiger sind als alles Andere. Von Ihnen kann man lernen, dass die Kernkompetenz einer Führungsperson das Gefühl für den Umgang mit Anderen ist. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen einer wahren Führungskraft und einem bloßen Mitarbeiter auf einem höheren Posten.

Dieses bringt uns auf die zweite Art, wie uns Symbole gefangen nehmen können. Wenn das Emblem, die Graduierung oder die Bestickung unserer Uniform wichtiger werden als der Inhalt, degenerieren große Sachen zu einer hässlichen Verzerrung ihrer Selbst. Wir beschäftigen uns so sehr mit den Bezeichnungen, Titeln und Rängen, dass wir keinen klaren Blick mehr für das Wesentliche und keinen freien Kopf zum Lernen haben. Wir verkaufen uns für ein Statussymbol.

Schlimmer noch, oft verraten wir damit unsere Ideale, unsere Ziele und unseren Glauben.

Und während die hemmende Befangenheit uns darauf hindert, dem Symbol einer Bedeutung zu geben, berauben wir es jeglichen Sinn und jeglicher Kraft, die ihm die Tüchtigen verliehen haben könnten, indem wir daraus ein Instrument des Imponierens machen. Viele große Sachen sind daran gestorben oder im Keim erstickt, viele Berufe und Künste in Misskredit geraten.

Auf der einen Seite die Handlungsunfähigkeit, auf der anderen die Dekadenz – wahrhaftig keine schöne Perspektiven. Und dennoch sind es nicht die Symbole, die das Problem darstellen. Es ist unser eigenes Unvermögen, uns von ihnen zu befreien. Dabei ist es leicht, die Banalität der Sache zu erkennen. Wir brauchen lediglich unseren schwarzen Gürtel abzulegen, ihn zu binden und auf der Mattenfläche neben uns zu legen. Wir werden feststellen, dass der Gürtel alleine nicht trainieren kann, wir ohne ihn aber schon.

Die Symbole haben eben nur so viel Bedeutung, wie wir ihnen verleihen können. Und wenn die Bedeutung das Symbol sprengt, dann werden wir befreit sein. Dann ist es nicht mehr entscheidend, wie wir die Dinge nennen, sondern wie unsere Handlungen sind.

Dann werden wir begreifen, dass wir unsere Mentoren am Besten ehren können, indem wir ihre Lehren mit Leben (auch mit neuem Leben, wenn nötig!) erfüllen, statt ihnen immer nur gefallen zu wollen und aus ihnen Ikonen zu machen.

Arturo Umaña

 


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