Editorial – In strahlender Dunkelheit
   
 

„Der Weg in die Dunkelheit ist eine lange Reise.“

Lex Luthor

   
 

Ich bin schon oft in Bezug auf diese Seiten angesprochen worden. Ganz besonders die Farbwahl war, zumindest am Anfang, Grund für vielerlei Irritationen in Kreisen meines ehemaligen Hapkido Verbandes. Die Kommentare reichten seinerzeit von "das ist, nun ja, sehr dunkel..." über "gewagt..." bis hin zu "man könnte ja noch ein paar Kerzen anzünden" oder Ähnlichem. Die dortigen Seiten sind im Allgemeinen sehr hell und weich, was diese Reaktionen dann auch verständlich und leicht voraussehbar macht. Die Kommentare kamen also alles Andere als überraschend.

In der Gestaltungs- und Präsentationslehre lernt man, dass die Verwendung dunkler Hintergründe - von schwarz ganz zu schweigen - eine riskante Sache ist. Die Lesbarkeit kann unter Umständen sehr darunter leiden, die Flächen wirken sehr schnell überladen, bedrückend oder hart und kalt. Selbst erfahrene Graphiker wagen sich selten daran. Die Regel lautet: Man meide die Dunkelheit, da man ihr sehr leicht und schnell zum Opfer fallen kann. Eine sehr eindringliche Warnung, die nicht nur in diesem Bereich oft, gerne und mit gutem Grund ausgesprochen wird.

Es handelt sich nämlich dabei in sämtlichen Bereichen um keine Anfängerübung.

Wozu also dieser ganze Aufwand? Es wäre doch wesentlich einfacher, sich dem allgemeinen Trend anzuschließen, und einen Standard einfach zu übernehmen.

Nun, auch wenn dadurch die Wahl für diese Art der Gestaltung erstaunlich erscheinen mag, so waren mir als Graphiker alle oben erwähnten Faktoren durchaus bekannt. Es ist keine Übertreibung: Hinter jedem Text, jedem Bild, jedem Zitat und auch jeder Farbe dieser Seiten steckt eine sehr bewusste Überlegung. Jede dieser Überlegungen hat ein Ziel, das sich in ein Gesamtkonzept und eine Vision fügt. Diese Vision findet dadurch auch (aber mit Abstand nicht nur) in diesen Seiten einen Ausdruck. Es ist eben diese Risikobereitschaft gewesen, einen ungewöhnlichen und unkonventionellen Weg zu gehen, was aus diesen Seiten etwas Besonderes macht. Und ich persönlich bin unbescheiden genug zu behaupten, dass sie es sind.

Heute, zwei Jahre nach unserem ersten Auftritt im Web, sind die Stimmen der Kritik verstummt. Die Seiten sind dunkel geblieben, doch es stößt sich Keiner mehr an unsere Dunkelheit. Im Gegenteil: Unsere Eigenartigkeit wird als inspirierend empfunden, und nicht selten werden wir teilweise sogar kopiert - obwohl, oder gerade weil wir nicht dem Standard entsprechen.

Offen bleibt dennoch die Frage, warum gerade die dunklen Farben. Es dürfte bisher nicht allgemein bekannt sein, aber dieses Portal ist von Anfang an meine eigene, private Initiative. Die Darstellung der hiesigen Inhalte ist, auch wenn stets größte Rücksicht auf die Lehren des Hapkido genommen wird, durch und durch geprägt von meinen persönlichen Überzeugungen und Erfahrungen, von meinem Wissen, meinem Glauben, meinen Visionen und meinem Wesen. Alles Andere wäre nicht nur nicht ehrlich; es würde auch dieses Portal dazu verdammen, eine schlechte Kopie von etwas Anderem zu werden. Und Hand aufs Herz: Ist es nicht in allen Dingen so?

Mein Son- und Hapkido-Lehrmeister, Sonsanim Ko. Myong, ist eine durch und durch leuchtende und sehr charismatische Persönlichkeit. Er schafft es, dass sich die Menschen in seiner Umgebung plötzlich wieder so leicht fühlen wie Kinder, und bringt dadurch in ihnen sehr positive Seiten hervor, weit entfernt von den dunklen Seiten ihres Wesens, völlig eingetaucht in seinem sanften, prinzenhaften Licht. Eine wahrhaftig bemerkenswerte Gabe, die als treibende Kraft für die Entwicklung seines Hapkido von der Kampfkunst zur Friedens- und Gesundheitsbewegung dient.

Einige Schüler von ihm, die selbst unterrichten, gehen nach einer ähnlichen Methode vor, einige wenige haben sogar mit ihm diese Fähigkeit gemeinsam, wenn auch in einer weniger dramatischen Ausprägung.

Ich zähle nicht dazu.

Als junger Mann während der frühen Phasen meiner Ausbildung hatte ich zeitweilig den naiven Wunsch, so zu werden wie mein Lehrmeister. Doch mit den Jahren, als ich mehr über mich und mein Wesen erfuhr und mich auch mit meiner eigenen Spiritualität bewusster auseinander setzte, entdeckte ich, dass der Charakter meiner Fähigkeiten - deren Ausmaß hier nichts zur Sache tut, wie lächerlich oder überwältigend er auch immer sein mag - ein ganz anderer ist als bei ihm. Es mag mit meiner persönlichen Geschichte, mit meinem Kulturkreis, mit meiner Veranlagung oder meinen Vorlieben zu tun haben; es ist nun mal so.

Als Hapkido-Lehrer im Sinne meines Lehrmeisters ist jemand meiner Art mit Sicherheit nicht die erste Wahl. Ich bin kein Arzt, kein Priester, kein Mönch, kein Prinz. Aus vollem Herzen, aus tiefster Überzeugung bin ich Kampfkünstler. Die Ideale der Krieger berühren meine Seele in ihrem Innersten, die Bindung an ihren Kodex wirkt befreiend auf mich. Ihre finstere, grimmige Anmut lässt mein Herz höher schlagen. Der Gedanke an ihre Unbeugsamkeit hilft mir stets über schwierige Zeiten, auch in größter Not, wie ein alter Freund. So gerne ich einst dem strahlend leuchtenden Idealbild eines Lehrers wie Meinem entsprochen hätte, so sehr gehört heute meine ganze Liebe dem dunkel schattierten Bild der Krieger, in all ihrer stolzen und würdevollen Unvollkommenheit. Es entspricht mehr meiner Natur.

Lang genug hat es gedauert, bis ich diese Tatsache und ihre Implikationen akzeptieren konnte. Möglicherweise ist es auch ein schweres Los für meine Schüler, dass die einzige Hilfe, die ich ihnen geben kann, darin besteht, sie auf diese Reise vorzubereiten und zu begleiten, die sie zwangsläufig dazu führt, sich ihren Ängsten und ihrer eigenen Dunkelheit zu stellen. Es ist kein einfacher Weg, den man tänzelnd von Blume zu Blume gehen könnte. Ehrlich nicht.

Es ist aber meine tiefe Überzeugung, dass diese Welt auch Menschen benötigt, die einen solchen, zugegebenermaßen beschwerlichen Weg gehen. Jene, die auch bereit dazu sind, jenseits der ausgebauten, beschilderten Straßen zu wandern, nicht nur folgend, sondern auch führend, werden mehr denn je gebraucht.

In Zeiten wie heute, in denen der Fundamentalismus in allen Ecken der Welt floriert, in denen das Wort wichtiger zu sein scheint als die Tat und die Form wichtiger als der Inhalt, scheint es mir so, als wollten alle im gleißenden Licht stehen. Vergessen ist der erlösende Schatten der Baumkrone - er entspricht den Regeln nicht. In dem Bestreben nach totaler Ordnung werden Kreativität und Individualität als störend empfunden. Die Puristen wollen bestimmen, was die reinen Lehren zu sein haben. Doch vor lauter Politik wird vergessen, dass schmutzige Hände zur Arbeit gehören. Der Weg hat also demnach breit und leuchtend und frei von Hindernissen zu sein. Oder nicht?

Das wussten schon die alten Taoisten: Das Gesetz ist nicht die Gerechtigkeit; die Gerechtigkeit ist nicht der Anstand; der Anstand ist nicht die Güte; die Güte ist nicht das TAO. Wohin richtet sich also unser Glaube? Wozu und wofür stehen wir, nicht als Mitglieder einer Organisation, sondern als Menschen?

In unserem Hang zur Wertung wird das Dunkle zwangsläufig zum Bösen deklariert, das Leuchtende zum Guten. Was schön ist, muss gut sein. Aber damit machen wir es uns zu leicht.

Nicht missverstehen: Wenn man nur die Wahl zwischen positivem und negativem Denken hat, ist es wohl besser, positiv zu denken. Aber es gibt mehr als nur diese zwei Möglichkeiten. Denn die Dinge sind nicht gut oder böse, sie sind. Punkt. 

Es wird viele erstaunen, dass das Zitat am Anfang dieses Editorials als Verfasser den Namen einer Figur aus den Comics trägt. Es stammt auch tatsächlich aus der Welt der bunten Bilder, und nicht aus den Klassikern oder aus dem Munde eines großen Meisters, wie sonst üblich auf diesen Seiten. Das ist kein Zufall.

Ein anderer, ähnlicher Text aus dieser Quelle möchte ich hier auch zitieren. Er stammt von Hal Jordan (ehemals "Green Lantern"), als er als vermeintlich bösen "Parallax" einen der spektakulärsten und dramatischsten Kriegerabgänge lieferte, die die Comicwelt jemals gesehen hat:

„Es gibt zwei Arten, die Dunkelheit zu vertreiben:
Eine ist Licht zu verbreiten.
Die Andere ist die Dunkelheit in sich aufzunehmen.“

Jene, die diesen Segen und diese Bürde teilen und teilen werden, im Weg des Kriegers ganz aufzugehen, werden den Sinn dahinter verstehen, dass erst die Schattierung einem Bild die Räumlichkeit und Tiefe verleihen kann.

Mögen auch sie dann im Lichte dieses Wissens handeln.

Arturo Umaña

 


  Wichtiger Hinweis:
Die unter dieser Rubrik in regelmäßigen Abständen erscheinenden Artikel stellen ausschließlich die persönliche Ansicht des Redakteurs dar und sind nicht als offizielle Meinung  etwaiger dritter Verbände, Personen, Institutionen oder Körperschaften anzusehen.