Editorial – Glaube, Formel, der Glaube an die Formel und die Formel des Glaubens
   
 

„Auch wenn man sich vornimmt, andere auszubilden, so gibt es keine Art, die Lehre, die man erhalten hat, in Worte zu fassen. Nur dank einer entwickelten Intuition kann es spontane Wahrnehmungen geben, ohne dass Erklärungen nötig wären. Und selbst wenn es gelingen würde, die Grundzüge verbal zu erläutern, so wird unser Gegenüber das Erläuterte naturgemäß nicht erfassen können, wenn die dafür notwendige innere Entwicklung nicht stattgefunden hat, da es keine Möglichkeit des (wahrnehmbaren) Beweises gibt, und daher der Fortschritt in den Lehren bestenfalls die Schwelle zur bewussten Energie erreichen kann.

Die Worte sind leicht zu verstehen; sie in die Praxis umzusetzen ist sehr schwer.“

Kuo Lien-Ying

   
 

Die Ziele und Ansätze der Ausbildung in den Kampfkünsten sind, wie es den meisten von uns bekannt sein dürfte, sehr unterschiedlich, und maßgeblich bestimmt durch Meister, Lehrer, Trainer und Instruktoren – übrigens eine sehr bewusste Unterscheidung, die sich aus eben diesen Zielen ergibt. Diese persönliche Ausprägung der Ausbildung sorgt für Unterschiede sogar innerhalb einer Stilrichtung, wenn auch meistens die größeren Ziele innerhalb eines Systems sehr wohl gleich bleibend und deutlich erkennbar sind.

Eine gängige Unterscheidung auf Basis der Zielsetzungen ist die zwischen Selbstverteidigung, KampfSPORT und KampfKUNST. Die Übergänge sind fließend, und die Unterteilung ist völlig wertfrei. Diese Vielfalt ermöglicht einen Einstieg in die Welt unserer Künste auf den verschiedensten Ebenen, was ja auch nur zu begrüßen ist – schließlich sind Geschmäcker verschieden, und nicht jeder Stil und jeder Lehrer / Trainer / Ausbilder ist für jeden Schüler und seine persönlichen Ziele geeignet (und umgekehrt). Die Gründe für die Suche sind für jeden Einzelnen unterschiedlich.

Ich habe bei meinem Hapkido- und Son-Lehrer, Großmeister Ko. Myong, eine sehr klassische Art der Ausbildung gefunden. Zutiefst bewegt von seinem Idealismus und seiner Hingabe, durfte ich in diesen doch inzwischen nicht mehr so wenigen Jahren meiner Ausbildung Vieles über meine eigene Person, meine Ziele und meinen Glauben erfahren. Diese Erfahrung prägt natürlich meine Art zu unterrichten ganz massiv.

Manche von uns leben in einem Spannungsfeld zwischen unserer inzwischen hochtechnisierten Welt und den Traditionen unseres eigenen Kulturkreises und den Einflüssen aus dem Austausch mit Angehörigen anderer Kulturen. Auch dürfen wir nicht vergessen, dass die Künste – egal ob schönen Künste, Heilkünste, oder Kampfkünste – Kultur- und streckenweise sogar Glaubensträger aus Ihren Ursprüngen sind.

Es könnte vermutet werden, dass für jene unter uns, die einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf ausüben, sich zwangsläufig die Frage stellt, wie wir mit diesem Widerspruch zwischen Glaube und moderner Wissenschaft umgehen sollen. Diese Vermutung setzt aber voraus, dass diese zwei Sachen sich in der Tat ausschließen. Eine Annahme, die unbedingt hinterfragt werden muss.

Einige Jahre nachdem Newton das klassisch-mechanistische Weltbild eingeläutet hatte, wurde von vielen Wissenschaftlern (im Übrigen nicht von Newton selbst!) die Aussage getätigt, die Funktionsweise des Universums würde binnen weniger Jahren vollständig entschlüsselt worden sein, da die Formeln der Mechanik alles beschreiben könnten. Aus heutiger Sicht wissen wir, dass die klassische Mechanik mit Ihren Formeln nur ein Bruchteil der Naturphänomene beschreiben kann. Es ist so, als wolle man die ganze Welt mit einem Plan von einem einzigen Haus bereisen: auch wenn es möglich ist, so wird die Orientierung fehlen.

Lange galten Masse und Zeit als unveränderlichen Größen. Zudem wurde zwischen Materie und Energie sehr klar unterschieden. Wellen verhalten sich wie Wellen, Teilchen wie Teilchen. Die Gemeinde der Wissenschaftler hatte wieder eine schöne Kategorisierung und Katalogisierung des Kosmos vorgenommen.

Im 20. Jahrhundert behauptete plötzlich jemand, dass die Masse und die Zeit sich in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit verändern können, dass die Raum-Zeit sich krümmen könnte, dass Materie lediglich ein Zustand der Energie sei. Dieser jemand war Albert Einstein, der wahrscheinlich berühmteste Wissenschaftler der Neuzeit. Andere fanden heraus, dass Wellen sich wie Teilchen verhalten können, und umgekehrt. Das gesamte Weltbild der klassischen Mechanik wurde auf den Kopf gestellt, die Liste der großen Namen ist sehr lang: Schrödinger, Heisenberg, Bohr, usw., usw..

Heute besteht die Welt der modernen Physik aus einer Unzahl phantastisch und verrückt anmutender Dinger, und wir wissen, dass wir noch am Anfang unserer Reise auf der Suche nach den Mysterien des Kosmos sind. Vieles, was die Wissenschaftler an Theorien aufstellen, scheint mehr mit Glaube und Mystik zu tun, als mit der „klassischen“ Wissenschaft, wie wir sie in unserer Schulzeit erleben dürfen.

Was aber hat dieser zugegebenermaßen sehr unvollständige Ausflug in die Physik (als die Wissenschaft par excelence) mit unserem Thema zu tun? Dazu später mehr.

In unserer Ausbildung der KampfKUNST gibt es sehr viele Aspekte, die jenseits der reinen Bewegungslehre angesiedelt sind. Selbst für jemanden wie mich, der weder mit dieser sehr in Mode gekommenen Erscheinung namens Esoterik noch mit der institutionellen Religion eine Affinität verspürt, geht es hier um mehr als nur den reinen Sport. Wie ist das möglich?

Für uns alle gibt es immer wieder Zeiten, an denen die eigene Entwicklung zu stagnieren scheint. Das Problem dabei: das scheinbar Erreichte fängt allmählich an zu zerfallen, sobald die Stagnation ansetzt.

Rein körperlich gesehen müssen wir mit den Veränderungen zurecht kommen, die unser Organismus im Laufe der Jahre durchläuft. Für Kinder und Jugendliche ist es die Pubertät , die sich hauptsächlich auf die Koordination und die Feinmotorik auswirkt. Für die Erwachsenen ist es der gewöhnliche Alterungsprozess: wir werden mit den Jahren langsamer, und unser Körper braucht mehr Zeit zum regenerieren, besonders nach Verletzungen. Beides, Pubertät und Alterung, sind an sich völlig normale und vor allen Dingen natürliche Sachen, deren Auswirkungen zwar eingedämmt, jedoch nie vermieden werden können. Wir werden dafür mit den unersetzlichen Schätzen namens Erfahrung und – wenn wir selbst dafür Sorge tragen – Wissen mehr als ausreichend entschädigt. Insofern kann hier nur dann von Stagnation oder gar Zerfall die Rede sein, wenn es uns nicht gelingt, uns mit diesen Veränderungen mit zu entwickeln.

Dann gibt es noch die inneren Aspekte unserer Ausbildung. Diese werden für manche von uns im Laufe der Jahre immer wichtiger, unabhängig von der betriebenen Stilrichtung. Es sind diese Aspekte, die nicht nur die Technik, sondern unser gesamtes Training lebendig halten, die es möglich machen, dass unsere Hingabe für die Künste nicht nur nicht von der Zeit erodiert wird, sondern sogar größer werden kann.

Natürlich sind die inneren Aspekte nicht der einzige Grund, der Menschen dazu bewegen kann, eine Kampfkunst, einen Kampfsport oder ein Selbstverteidigungssystem zu wählen und zu betreiben. Die Sammelleidenschaft (z.B. für Techniken, Graduierungen, Medaillen, Titel...), der in Mode gekommene „asiatische Flair“, ja sogar die Aussicht auf Macht, Geld oder den „ultimativen Stil“ (übrigens ein aus der Unerfahrenheit entstandene Mythos), können eine erstaunlich starke Motivation sein.

Im Regelfall laufen diese Wege auf Grund, wenn die Zeiten schwierig werden und die Ernüchterung sich einstellt. Der Erfolgsdruck wird zu einer immer größeren Belastung. Was vorher beflügelte, hemmt nur noch. Die nächste Medaille, die nächste Technik, mehr Geld, mehr Anerkennung, eine höhere Graduierung (eventuell auch um leichter an mehr Geld, weitere Medaillen, neuere Techniken und mehr Anerkennung heranzukommen), werden zu einer fixen Idee, die unseren Geist gefangen nimmt. Das geht teilweise so weit, dass alles, was vorher erreicht wurde, komplett bedeutungslos erscheint und auf der Strecke bleibt.

Je größer diese Besessenheit wird, umso mehr entwickeln sich Verdrängung und ein Talent zur Schuldzuweisung, um sich der Realität nicht stellen zu müssen: man wird durch äußere Umstände oder andere Personen am Erfolg gehindert. Und doch: alle Mechanismen, die sich mit den Jahren entwickeln, können letztendlich den unweigerlichen Ausgang nicht abwenden.

Wenn also der Erfolg es auf Dauer nicht vermag, aus unserem Tun mehr als nur Zeitvertreib zu machen, liegt der Schlüssel möglicherweise an einer anderen Stelle. Die Frage ist also, wie wir aus unserem Training etwas machen können, was unser Leben bereichert.

Für viele von uns liegt der Schlüssel in dem enormen Potential der Verwandlung und Befreiung, der unseren Künsten eigen ist. Die Schamanen nennen das einen Weg mit Herz. Das setzt allerdings voraus, dass wir unseren Weg in seiner Gesamtheit akzeptieren, auch als ein spiritueller Weg. Das bedeutet unter anderem zuzugeben, dass jenseits der reinen Bewegungsabläufe es auch anderen Ebenen in unserer Ausbildung gibt, die mit der reinen Mechanik nicht ausreichend beschrieben werden können.

Und nun Schließen wir unseren Kreis, indem wir unseren Blick wieder auf die moderne Physik richten. Weit über die Einzelheit hinaus, dass wir in beiden Fällen das klassische mechanistische Weltbild verlassen haben, gibt es noch eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen den Meistern eines Weges mit Herz und den außergewöhnlichen Pionieren der modernen Wissenschaft: sie alle waren dazu bereit, die Sicherheit der ausformulierten Welt zu verlassen, und ein Blick ins Unbekannte zu wagen. Und was weitaus bedeutender ist, sie alle haben zuerst geglaubt.

Zuerst war der Glaube, dass es eine Welt jenseits der vorhandenen Formeln gibt. Und auch wenn hierdurch neue Formeln entstehen, um den Weg für jene zu erleichtern, die folgen, so sind diese Formeln nur eine Beschreibung.

Und noch eine interessante Parallele: ohne entsprechendem Vorwissen und die Bereitschaft dessen Grenzen zu überwinden ist es nicht möglich, die komplexen Formeln der Quanten- und relativistischen Physik zu verstehen. Ebenso wenig können die tiefer gehenden Seiten des Weges erfahren werden, ohne dass wir uns zuerst ausreichend genug mit den Grundlagen auseinandergesetzt haben, um hinter der reinen Form sehen zu können. Darin liegt eine der größten Herausforderungen des Lernprozesses: das Erkennen der Naturprinzipien hinter den Formeln.

Die Erkenntnis braucht die Formel nicht, sie bringt Diese hervor! Doch vorher muss der Glaube sein, dass mehr da ist, als das, was wir bisher erfasst haben. Der Glaube, dass mehr möglich ist, wenn wir ein Blick auf die Ewigkeit wagen. Das ist in der Wissenschaft und auf einem spirituellen Weg so.

Das Training, jede Bewegung die wir in unserer Ausbildung lernen, ist wie eine Formelsammlung: Dutzende, Hunderte von Abläufen, die wir immer und immer wieder wiederholen. Gleiches gilt für die Theorie, die sich in den traditionellen Stilen wie Hapkido auch sehr intensiv mit spirituellen Inhalten befasst. Wenn wir Theorie und Bewegung miteinander verbinden können, ist zwar bereits viel erreicht, doch damit haben wir uns nur eine bessere Formelsammlung angeeignet. Lebendig ist das Gebilde noch lange nicht.

Auch auf die Gefahr hin, mir den Unmut vieler zuzuziehen: wir können viel akademisches Wissen über den Weg gesammelt haben, viele große Worte über Tugend und das Gute ausgesprochen haben, ohne auch nur einen Schritt auf unserem Weg gemacht zu haben. Wir können Differentialgleichungen n-ten Grades lösen, ohne auch nur eine Idee haben, was wir damit anfangen können. Wir können eine Religion ausüben, ohne einen Funken Glaube zu haben.

Um ein konkretes und sehr einfaches Beispiel zu nennen: das Wissen um die minimal erforderliche Geschwindigkeit der Hand, um ein Holzbrett zu zerbrechen, wird uns beim Bruchtest wenig hilfreich sein (nicht einmal mit einem eingebauten Tachometer in der Hand). Diese zugegebenermaßen lustige Rechenübung ins Training einzubringen zeugt außerdem vom fehlenden Verständnis über den Sinn und Zweck des Bruchtests in unserer Ausbildung, ebenso wie die inzwischen sehr oft anzutreffende Angewohnheit, drei oder gar vier (!) Halter zu nehmen, um ein einfaches Fichtenbrett zu „zerschlagen“.

Die Formel ist ein Mittel, eine Hilfe, und soll nicht zum Selbstzweck werden. Die Suche nach der Weisheit wurzelt im Glaube. Und Dieser kann sich nur aus unserem Inneren entfalten. Wir müssen selbst Suchende werden, und nicht nur die Formeln anderer wiederholen, wenn wir mehr als nur Epigonen sein möchten.

Um Missverständnisse vorzubeugen, soll noch in aller Deutlichkeit gesagt werden: ich bin persönlich kein Gegner von Formeln. Sie erleichtern den Zugang zum Wissen, wenn wir darauf ausreichend vorbereitet sind, mit ihnen kreativ und intelligent umzugehen. Nebenbei ist das prinzipielle gegen die Formel zu Sein auch in sich eine Formel.

So inspirierend und motivierend es ist, unser Glaube in unser Tun einzubringen, dürfen wir nicht erwarten, dass das ein leichter Weg ist, dem mit ein wenig spirituellen Flair Genüge getan wäre. Es ist eine Herausforderung, der wir uns jeden Tag aufs Neue stellen müssen.

Es ist leicht, aufzugeben, Abkürzungen zu suchen. Wir können etwas grundlegend verneinen oder verfremden, um unserer Eitelkeit entgegenzukommen. Man kann eben leichter behaupten, dieses „obskure Etwas“, was wir Ki (Jap. und Kor., chin. Chi oder Qi) nennen, existiere nicht, oder wäre nichts Anderes als Adrenalin (biochemisch übrigens Unsinn) oder gar Essen, oder es als etwas Geheimnisvolles und Unerreichbares darzustellen, als sich der Herausforderung zu stellen, es zu trainieren, bis es zu dem „alltäglichem Etwas“ wird, was es im Grunde ist.

Moderne Wissenschaft und Glaube haben viel mehr gemeinsam, als möglicherweise vorerst vermutet wird, wie wir in diesem Ausflug feststellen konnten. Sie greifen ineinander, befruchten sich gegenseitig. Für jene von uns, die die in ihnen vorhandenen Zügen mehrerer Kulturkreise miteinander vereinbaren müssen, hat es etwas sehr Tröstliches und Befreiendes an sich, dass das komplexe und verrückte Universum der modernen Physik dem Kosmos der Taoisten und Schamanen immer ähnlicher wird.

Wenn wir uns um Einsicht jenseits der Formalismen (Worte, Gebote, Titel, Symbole und Formeln) bemühen, werden wir feststellen, dass das Prinzip hinter den Dingen gleich ist, unabhängig ob Glaube oder Wissenschaft. Darin liegt die Befreiung von Körper und Geist, die unser Tun bringen kann. Das Stichwort lautet Transzendenz.

„Triffst Du Buddha unterwegs, dann töte Buddha!“

Was liegt alles noch im Schatten verborgen?

Arturo Umaña

 


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