| Editorial –
Ragnarök, Ché Guevara und ein
Blatt im Herbst |
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„Die Winde, die
wehen... Soseki |
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| Dort, wo ich geboren
wurde, gibt es keine so ausgeprägten Jahreszeiten, wie man sie
in Mitteleuropa kennt. Nur wenn man sehr genau beobachtet, wird man
eine Andeutung davon erkennen, fast versteckt hinter den viel
übewältigenderen Veränderungen der
Niederschläge. Die Länge von Tag und Nacht verschiebt
sich nur sehr wenig, und die Tage sind meistens warm, aber nicht
heiß.
Bedenkt man die kurzen,
grauen
Tage, das schwache Licht und die klirrende Kälte, die uns in
diesen Breitengraden in den nächsten Monaten bevorstehen, wird
vielleicht meine Aussage recht absurd klingen, dass ich - aus
einer klimatisch so angenehmen Gegend stammend - die Jahreszeiten mit
all ihren Härten wahrhaftig liebe. In der Erzählung geht es um das letzte im Herbst noch an einem Baum verbliebenes Blatt und seine Furcht davor, den Ast loszulassen, im Angesicht des bevorstehenden Zerfalls zu Staub. Es ist eine Geschichte über Tod und Leben und über die Natur des TAO und des Universums. Aber vor allen Dingen ist es eine Erzählung über Befreiung. Die darin enthaltene Botschaft ist gewaltig - sofern wir sie im vollen Umfang ihrer Konsequenzen erfassen. Viel düsterer und dramatischer ist da eine Geschichte aus der nordischen Mythologie: Ragnarök ("Schicksal der Götter"), auch als Götterdämmerung bekannt. Sie handelt vom Endkampf der Götter und Riesen: Eine gewaltige Schlacht bei der sie und die gesamte Welt in ihrer alten Form untergehen, und die am Ende eine kosmische Neuordnung hervorbringt. Natürlich unterscheiden sich diese beiden Texte sehr voneinander, und doch haben sie, wenn man einen Blick hinter die Fasade wagt, auch eine Menge gemeinsam, wovon aber ein Punkt kaum übersehbar ist. Beim ersten Text geschieht es im Kleinen und Stillen, beim Zweiten erfolgt es in einem monumentalen und bombastischen Rahmen. Und entgegen dem, was vielleicht auf den ersten Blick vermutet werden könnte, ist die Botschaft bei Smullyan doch wesentlich tiefgreifender. Versuchen wir nun diese Kluft zu schließen, indem wir ein Zitat von Ernesto "Ché" Guevara einbringen, studierter Arzt und einer der berühmtesten Revolutionäre der Weltgeschichte:"Um etwas
zu tun, muss man es sehr
lieben.
Um etwas sehr zu lieben, muss man bis zur Verrücktheit daran glauben." Verwirrt? Dann ist es
genau richtig. Auf der Suche nach dem roten Faden, der sich durch diese scheinbar unzusammenhängenden Splitter zieht, bewegen wir uns in auf einer dieser Straßen, die unsere Ratio im Allgemeinen meidet. Um Sinn und Trost zu finden in dem, was die Götter und Ihre Widersacher durch die Erfüllung ihres Schicksals gemäß der Prophezeiung der Völuspá ("die Weissagung der Seherin") vollbringen, müssen wir zuerst das Wesen des Blattes in uns erkennen. Es ist durchaus möglich, die Botschaft des Blattes in einer intellektuellen, akademischen Form einzufangen - dazu ist es nur erforderlich, Smullyans Geschichte zu Ende zu lesen, sich die Worte zu merken. Aber ohne den Schlüssel zu "fühlen", der in Chés Worte enthalten ist, ist der Nachgeschmack eher schal. Warum werfen sich die allmächtigen und allwissenden Götter bewusst in eine Schlacht, die ihr sicheres Ende bedeutet? Warum löst sich das Blatt letztendlich doch voller Leichtigkeit vom Ast, wissend, dass es zu Staub zerfallen wird?Fast am Gipfel angekommen, im Angesicht des Abgrunds, der sich hinter und unter uns auftut und droht, unseren Verstand zu verschlingen, einfach so seinen sicheren Halt aufzugeben und sich ins Ungewisse zu stürzen, ist wirklich verrückt. Zum Adler werden, besser noch, zum Phönix, ja gar zum rot und gelb gefärbten Herbstblatt... wer vermag das schon? Als ich anfangen wollte, dieses Editorial zu schreiben,
versuchte
ich passende Worte zu finden, die verständlich machen würden,
warum ich nun nach so vielen Jahren diesen Schritt gewagt habe, mich
von
einer Schule und einem Lehrmeister zu trennen, denen ich sehr viel zu
verdanken habe, und die "Sicherheit"
eines der inzwischen
prominentesten und mitgliederreichsten Hapkido Verbände Europas
zu
verlassen, um einer Idee und einem Weg zu folgen, deren Ruf seit Jahren
in meinem Kopf und meinem Herzen hallt. Es gibt also keinen triftigen Grund, sie hier erneut auszusprechen. Stattdessen tue ich hier lieber das, was meinem Wesen mehr entspricht: Ich male mit meinen Erzählungen Bilder, die meine Botschaft vermitteltn - für jene, die dazu bereit sind. Das ist etwas, das ich schon tue, seitdem ich dieses Medium zur Verfügung habe. Man braucht nur zwischen den Zeilen zu lesen, um das zu erkennen. Ché Guevara sagte einst: "Ich bin
kein Befreier.
Es sind die Völker selbst, die sich befreien!" Das trifft übrigens auch auf den menschlichen Geist zu.
Man muss nur den Ast loslassen, wenn die Erkenntnis reif ist. Dann wird
nach dem Winter der Frühling der Erneuerung zurückkehren. Es
ist ein simple Sache. Arturo
Umaña |
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