Editorial – Eine sehr wichtige Abmachung
   
 

"Das Kernstück der Persönlichkeitsbildung ist die Erziehung des Sinnes für Verantwortung"

Emil Oesch

   
 

Für jene von uns, die sich noch bewusst an die siebziger Jahre erinnern können, wird die Serie „Kung Fu“ ein Begriff sein. Als diese in Erstaustrahlung im Fernsehen meines Heimatlandes lief, war das Publikum noch nicht an die atemberaubenden Kampfchoreographien der heutigen Zeit gewohnt, weswegen die Technik und Ihre Qualität eher ein zweitrangiges Thema waren. Obendrein war jemand wie ich noch zu ahnungslos, um eine qualifizierte Kritik in technischer Hinsicht abgeben zu können.

Die Faszination, die von jener Serie ausging, beruhte in erster Linie auf den geheimnisvollen Einblendungen der Meister aus dem Shaolin Kloster. Diese Einblendungen waren für mich ein Fenster zu einer faszinierenden Welt, in der durch Disziplin und harte Arbeit ein gewöhnlicher Mensch zu etwas größerem werden konnte. Bezeichnend hierfür ist beispielsweise der Ausspruch: „Disziplin soll das Leben bereichern, und es nicht einschränken“. Diese zugegebenermaßen sehr romantisierte und möglicherweise kindliche Vorstellung sollte mein Bild der klassischen Kampfkünste bis zum heutigen Tag prägen.

Später, zu Beginn der achtziger Jahre, lief im Kino der Film „Karate Kid“. Für ein eher jüngeres Publikum konzipiert, gibt es an diesem Film eine Menge interessante, überraschend tiefgreifende Aussagen. Inwiefern man ein Urteil über die sonstige Qualität des Filmes abgeben möchte, sei jedem selbst überlassen. Ich möchte auch nicht so sehr ins Detail gehen, sondern nur eine winzige Passage aus dem Film aufgreifen. Als der Meister (gespielt von Noriyuki „Pat“ Morita) sich endlich dazu bereit erklärt hat, den Schüler (gespielt von Ralph Macchio) zu unterrichten, formuliert er eine Abmachung, die die Meister/Schüler-Beziehung besiegeln sollte: „Ich verspreche, dir das beizubringen, was ich kann. Und du – versprichst zu lernen.“

Einer der wichtigsten Grundsätze, die ich von meinem Lehrmeister lernen durfte, ist, dass Hapkido eine Kunst für alle ist, egal welchen Alters, Geschlechts, Nationalität oder Religion. Schließlich geht es in der Ausbildung um mehr als nur um eine Reihe gymnastischer Fertigkeiten. Die Ausbildung sollte jedem Menschen offen stehen, der die Bereitschaft zu lernen und sein Bestes zu geben, aufbringt.

Spätestens an dieser Stelle wird einem klar, welche wichtige Rolle das Engagement der Schüler für den Erfolg der Ausbildung spielt. Dieses ist nicht nur beim Hapkido so, sondern bei jeder Art der Bildung, charakterlich, akademisch oder körperlich; und auch weit über diese hinaus. Es ist eine sehr wichtige Frage, die sich jeder Schüler stellen sollte: Worauf kommt es im Training bzw. in der Ausbildung an?

Ich hatte das große Glück, einen ganz besonderen Lehrmeister zu finden, der nicht nur über ein enormes Wissen und Können verfügt, sondern auch sehr um meine persönliche Entwicklung bemüht war und es bis heute ist. Und auch wenn wir nicht sehr oft die Zeit finden, in Ruhe zu miteinenader zu sprechen, so ist er immer präsent, in jedem Unterricht, weil das, was ich von ihm lernen durfte, meine Art zu unterrichten für immer prägen wird.

Ich verfüge selber nicht annähernd über das Wissen und das Können meines Lehrmeisters. Zudem ist mein Wesen ein ganz Anderes als seines: selbst wenn ich es wollte, könnte ich nicht so sein wie er. Und doch bin ich davon überzeugt, dass meine Schüler trotz dieser Unterschiede eines Tages zu großartigen Menschen heranreifen können. Das Wieso ist simpel: Weil das, was sie lernen, für ihre Entfaltung viel entscheidender ist, als das „Was“ bzw. das „Wieviel“ ich lehren kann. Und so kommen wir immer wieder zu der oberen wichtigen Abmachung.

Wir können auch einen Schritt weiter gehen, über die Türen dieses Mikrokosmos namens Dojang hinaus und werden eine allgemeinere Form dieses Prinzips entdecken.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass jeder von uns gerne mehr Freiheiten, mehr Entscheidungsraum hätte. Schließlich ist das die einfachste Art, die Welt so zu gestalten, wie sie unserer Ansicht nach sein sollte. Das ist in unserer Arbeit, in unserem Privatleben, in jedem Aspekt unseres Lebens so. Aber jede Entscheidungsmöglichkeit mehr, die wir haben, bringt zusätzliche Verantwortung mit sich. Es ist gerade die Tatsache, dass wir eine Wahl haben, die bedingt, dass wir die Verantwortung dafür tragen, umsichtig mit dieser Möglichkeit umzugehen.

Kompetenzen und Verantwortung bilden eine Einheit, und müssen in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Stimmt diese Relation nicht, so entstehen Missbrauch und Ausbeutung – im Übrigen auch die zwei Gesichter derselben Sache. Ohne eine gewisse innere Reife ist es also nicht möglich, Verantwortung zu übernehmen. Und ohne einen Sinn zu Verantwortung, bringen Kompetenzen nur mehr Leid und Elend. Demnach ist eine sinnvolle Entscheidungsfreiheit das Ergebnis eines Reifeprozesses.

Im Dojang wird dieser Prozess durch die ständige, stetige und intensive Arbeit an der eigenen Person vorangetrieben. Indem wir uns immer wieder mit den eigenen Beschränkungen in einer konstruktiven und kontrollierten Art auseinandersetzen, erhalten wir die Chance, über den eigenen Schatten zu springen. Auch dieses ist auf unseren Alltag übertragbar.

Leider begegnen wir immer wieder Menschen, die diesen – zugegebenermaßen recht langwierigen – Weg umgehen möchten. Zu leicht finden sich Ausreden dafür, die Arbeit nicht auf sich zu nehmen. Und zu gemütlich wäre es, einfach nur die Früchte zu holen, ohne vorher einen Tropfen Schweiß zu vergießen. Wird diese sehr egoistische Haltung noch zusätzlich unterstützt, gestärkt und ermutigt, entstehen am Anfang reine Konsumenten, die zu Tyrannen und Ausbeutern heranwachsen.

Ob im Beruf, im Privatleben oder im Training, diese Menschen finden immer etwas oder jemanden, dem sie die Schuld geben können, wenn etwas nicht gelingt, um selbst nicht die Verantwortung übernehmen zu müssen. Sie sind stets die „Opfer der Umstände" und der Ungerechtigkeit anderer. In Wirklichkeit haben sie mehr mit Tätern gemeinsam als mit wahren Opfern– Täter, weil sie sich durch ihr Benehmen eine Sonderbehandlung erpressen möchten (an sich auch schon ein Akt der Gewalt), und damit wirklich Notleidende verspotten, bewusst oder unbewusst.

Manchmal haben wir das Glück, Menschen mit besonderen Fähigkeiten zu treffen. Wir stehen mit großen, staunenden Augen vor ihnen, und sehen nur selten, wie viel Arbeit, wie viel Mühe, wie viel Schmerz möglicherweise erforderlich waren, um zu diesem Punkt zu gelangen. Die wertvollen Wege kennen nun mal keine Abkürzungen.

Wohin würden uns die Abkürzungen führen? Zu den Wochenendschamanen, die Drogen zu sich nehmen, um anschließend ihren Unrat im Wald zu hinterlassen. Zu jenem Touristen, der nach einigen Tagen Asienurlaub besser über Zen bescheid zu wissen glaubt, als jeder lebende oder vergangene Meister. Zu Schülern die meinen, sich selbst der beste und einzige Meister zu sein.

Menschen kommen zum Dojang mit den verschiedensten Vorstellungen. Ganz egal, was sie suchen, finden sie im Dojang nur eine Sache: Arbeit, die an der eigenen Person zu tun ist.

Die Früchte davon sind für uns alle erreichbar. Wir müssen dafür nur eine Sache aufbringen: die Bereitschaft zu lernen.

Arturo Umaña

 


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